Archiv der Zukunft - ein Netzwerk: meine Reise zum Kongress am Bodensee
Dank der freundlichen Unterstützung von Frau Prof. Dr. Scheunpflug (Lehrstuhlinhaberin Pädagogik l) und Frau Dr. Stadler-Altmann (Frauenbeautragte), initiiert von Birgit John (FSI/ILB) nahm ich als Vertreterin von FSI EWF & ILB am Kongress „Archiv der Zukunft“ teil, der am 02.-05. Oktober am Bodensee stattfand. Das Netzwerk “Archiv der Zukunft” wurde am 15. Juni 2007 in Hamburg vom Regisseur Reinhard Kahl mit weiteren Mitstreitern ins Leben gerufen:
“Die Gründer des Netzwerks glauben nicht mehr, dass die Mängel unserer Schulen allein durch staatliches Handeln behoben werden können – selbst wenn wir die beste Regierung
aller Welten hätten. Sie sind davon überzeugt, dass in den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen die Veränderung von unten ansteht, der Übergang von einer bürokratisch geführten und hierarchisch strukturierten zu einer sich stärker selbst regulierenden, lernenden Organisation. Rahmenreglungen, Gesetze und eine gewisse Aufsicht werden nicht überflüssig. Aber wichtiger als die Aufsicht werden
die Einsichten vor Ort und die Resonanz der kritischen Freunde. Dieser Übergang wird nur durch die Selbstqualifizierung der Pädagogen möglich sein. Viele sind bereits in eine durchaus lustvolle, kollektive Autodidaktik eingetreten.” (aus dem Papier von R. Kahl zur Gründung des Netzwerkes)
Im Gegensatz zum ersten Kongress der gleich gesinnten Schulerneuer im September 2007 bei der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, wo für 460 Teilnehmerplätze doppelt so viele Anmeldungen schließlich vorlagen, konnten dieses Jahr mehr als 1400 Teilnehmer an den zahlreichen Diskussionen, Vorträgen, Workshops und Klausuren teilnehmen. Als Referenten wurden nicht nur renommierte Denker und Pädagogen, sondern auch Schüler und Studenten eingeladen. Es waren dabei:
- Prof. Dr. Hartmut von Hentig, der neben zahlreiche Publikationen zum Thema Bildung die Idee der Laborschule bei der Uni Bielefeld verwirklicht hat.
- Enja Riegel, die ehemalige Schulleiterin der berühmten Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, deren Testergebnisse besser ausfielen als die Hochgelobten PISA-Siegerländer.
- Sophia Wälder, eine 21-jährige Initiatorin und Koordinatorin des methodos-Projektes, bei dem 10 Freiburger Schüler ihre Abiturvorbereitung in die eigenen Hände nahmen, indem sie sich von Schule abgemeldeten und sich selbstständig und erfolgreich den Stoff fürs Abitur erarbeitet haben.
- Dr. Falko Peschel, Grundschullehrer und Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Individualisierung und Unterrichtsentwicklung, der vier Jahre eine Klasse durch die Grundschulzeit ohne zu “unterrichten” geführt hat. Dabei haben die hohen Leistungen der Kinder nicht nur ihn, sondern auch viele Besucher immer wieder verblüfft.
- Axel Backhaus ist Grundschullehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen und leitet zusammen mit Hans Brügelmann die reformpädagogische Arbeitsstelle ‚Blick über den Zaun’.
- Und viele andere, die hier aufgelistet sind.
Leider habe ich die feierliche Eröffnung verpasst, da ich an dem Tag gearbeitet habe und kam erst ganz spät im österreichischen Bregenz an. Ich besuchte erst am nächsten Tag einige spannende Veranstaltungen, unter anderem Plenumsvortrag von Prof. Dr. Remo Largo zum Thema “Die Individualität des Kindes - Herausforderung oder Störfaktor?”
Danach liefen mehrere Veranstaltungen - es war eine wahre Qual der Wahl sich beim Frühstücken zwischen 10-16 parallel laufenden Vorträgen und Diskussionsrunden zu entscheiden. Ich besuchte schließlich beim Block A “Die Grammatik der Reform: Gründen, Umgründen, Weitermachen” mit Enja Riegel, die mich durch ihrer Energie, ihrem Optimismus und Charme tief beeindruckte und ich erwarb anschließend einen Film über sie und ihre Schule und ein ihrer Bücher. (im FSI-Zimmer auf Anfrage erhältlich)
Beim Block B war ich beim Prof. Dr. Jean-Pol Martin, der als Französischdidaktiker in einem Gymnasium und an der Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig ist, eine Veranstaltung mit dem Titel “Mit Schülern die Welt verbessern: wie man an das Bedürfnis nach Sinn anknüpft” anbat, was nach meinen Vermutungen in die Richtung des Konzeptes “Globales Lernen” gehen sollte. Es ging dann um Verknüpfung der maslowschen Glückspiramide mit seiner Theorie der kognitiven Kontrolle, es spielte dabei Flow-Effenkt eine wichtige Rolle. (Das Handout ist auf Anfrage in FSI-Zimmer erhältlich)
In der Praxis sollen die Schüler sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auf Basis der Wikis in der französischen Sprache kritisch auseinandersetzen. Sie können sowohl als Team, als auch einzeln an den Beiträgen arbeiten und dabei übers Internet mit anderen ähnlichen Arbeitsgruppen kommunizieren. Der Vortrag war auf jedem Fall unterhaltsam und interessant, aber für mich persönlich nicht wirklich lehrreich, da einzelne Aspekte für mich keine Offenbarung waren.
“Wie die Pädagogik von der Flow-Wissenschaft lernen kann” hat mich schon immer interessiert, den Vortrag drüber fand ich leider weniger beflügelnd und ich flüchtete davon nach einer Weile, um mich mit anderen Teilnehmern über die besuchten Veranstaltungen auszutauschen.
Am Samstag standen insgesamt zwölf vielfältige Klausuren in verschiedenen Orten rund um Bodensee an der Tagesordnung, wohin jede Gruppe morgen früh mit den Bussen oder mit einem Schiff befördert wurde. Ich meldete mich für Klausur L - “Profession Pädagoge” - an, die in der pädagogischen Hochschule Rorschach der PH des Kantons St. Gallen stattfand. Das Programm war abwechslungsreich und spannend. Wir mussten außerdem im Laufe des Tages auf die Flipcharts fürs spätere Plenum und Diskussion notieren, was einen guten Pädagogen ausmacht und wie man zum Profipädagoge wird.
Ich bewunderte dort den ganzen Tag, wie effizient und praxisnah Abschlüsse für Bachelor und Master strukturiert sind und war absolut überwältigt von der (Lern-)Landschaft (siehe Bilder;))
Der von Studierenden und Dozenten gemeinsam gehaltene Vortrag “Kompetenzen von angehenden Lehrpersonen aufbauen und in der Eignungsüberprüfung einfordern” zeigte eine andere Perspektive der Seminar- und Praktikadurchführung, die die angehenden Studenten im ersten Semester kennen lernen und beim Nichtbestehen der anschließenden Prüfung das Studium nicht fortsetzen dürfen. (Das ausführliche Handout zu den Inhalten des Vortrages gibt es in FSI-Zimmer auf Anfrage.)
Im nächsten Forum erfuhr ich vom Projekt COOL oder Cooperatives Offenes Lernen in österreichischen Schulen. Schade war nur, dass ich deswegen den Vortrag von Sophia Wälde über methodos-Projekt verpasste: “Wie sich Schüler in Freiburg ihre Lehrer ausgesucht und angestellt haben”. Die Gruppe der Klausurteilnehmer war sehr heterogen, kontaktfreudig und unterhaltungslustig. Wir hatten eine interessante Diskussion über die Inhalte der Klausur auf dem Rückweg. Danach habe ich mich in Raum der Ruhe mit schönem Ausblick auf Bregenz und Bodensee zurückgezogen, um mich vor der abendlichen Feier etwas auszuruhen.
Das große Fest mit dem leckeren Buffet, funkenden Musikprogramm und vielen Gesprächen auf den Bühnen des Festspielhauses mit anschließender Party war einfach toll. Ich blieb dort bis spät in die Nacht, schaffte aber nicht desto trotz am nächsten Morgen zum “Gespräch über Politik und Polytik: Kathedralen für eine Ideengesellschaft” mit Gründern des Netzwerkes und Gästen aus Politik und Wissenschaft. Danach war eine kleine Lobrunde der Organisatoren und Helfer initiiert von einer dankbaren und engagierten Teilnehmerin. Sie gab auch einen Impuls, im großen Plenum ein Lied gemeinsam zu singen, das sie dirigierte, was auch sehr faszinierend und ergreifend war. Am Schluss kam der Vortrag und Filvorführung von Choreograf und Tanzlehrer Royston Maldoom, der mit seinem Tanzprojekt „Sacre“ und Dokumentarfilm Rhythm Is It! 2003 international bekannt wurde.
Es war ein goldener, sonniger und warmer Herbsttag, als ich aus dem Festspielhaus raus kam. Ich hatte so viele Gedanken, Ideen, Visionen, Eindrücke, Bilder in meinem Kopf, dass ich mich auf die Mitgliederversammlung nicht mehr konzentrieren konnte. Außerdem war ich kein Mitglied. Man muss es eben nicht übertreiben. Ich bin ja schon bei FSI, ILB, GEW, AHOJ, MITOST, CPH, PSV… Es muss ja noch Zeit für mein Studium bleiben, oder? Oder vielleicht doch beitreten und mitmachen?!
Es fehlte mir aber noch etwas bei diesem Netzwerk, dass es überwiegend um die (Vor-)Schulbildung und deren Verbesserungsperspektiven ging. Dabei blieb der Aspekt der Hochschul- und Berufsfortbildung, der allgemeine Aspekt des lebenslanges Lernens, sowie auch der spezielle Bereich der Pädagogenausbildung, abgesehen von paar Vorträgen und einer Klausur, kaum berücksichtigt und angesprochen. Ich fand es auch schade, dass ich bei über 1400 Teilnehmern kaum Studenten gesehen und kennen gelernt habe.
Ich wünschte, ich wäre beim Kongress nicht allein gewesen. Ich hatte auf dem Heimweg einen wahnsinnigen Gedankenaustauschdrang, den ich leider in dem Moment nicht teilen konnte.
Ich wünschte, ich könnte diese Aufbruchstimmung, den in der Luft verspürten Enthusiasmus, diese Neugier, Freude am Lernen und Lehren übertragen und ausstrahlen.
Aber jetzt kann ich nur hoffen, dass während ich meine längst fällige Zulassungsarbeit weiter schreibe, hier vielleicht paar Kommentare zum Beitrag erscheinen:)
P.S. Mehr Fotos und Infos auf Anfrage;)



























